Ludus Luminosus


- "Die Zeit, als eine respektable Musikanlage ein intellektuelles Statussymbol war, mit dem man Kenntnis und Geschmack oder Dummheit und Geld beweisen konnte, ist lange vorüber", so Jens Jessens Meinung in seinem ZEIT-Artikel "Spiel mir das Lied vom Ton"...

Vieles hat sich mittlerweile in der HiFi-Szene verändert, aber so ganz vorbei ist die Zeit der "respektablen Musikanlagen" sicher nicht - zu den Bausteinen in der Gruppe besonders hochwertiger HiFi-Gerätschaften gehörte vor über 40 Jahren der BRAUN regie 510 allemal, er ist ein "Kulturdenkmal" und der unerreichte Klassiker der längst entschlafenen hochkarätigen "Steuergeräte" oder auch "Receiver", damals Technik- und Designikone und somit an der Spitze in seiner elektronischen Konzeption und seinem ungewöhnlichen und überragend zeitlosen Design, vom höchst individuellen Styling etwa vergleichbar in der Automobilszene mit einem Klassiker wie den in diesem Jahr 60 Jahre alten Citroen DS, der im Gegensatz zu seinen zahlreichen damaligen Mitstreitern heute ebenfalls noch genauso unverwechselbar modern wirkt wie ein BRAUN regie 510...

Ein gut erhaltener BRAUN regie 510 wurde von mir erst kürzlich sehr behutsam restauriert und auf ein neuwertiges Niveau gebracht, das Gerät war in den 70iger Jahren die äußerst erfolgreiche westdeutsche Antwort auf den optischen "Rolex"- Einheitsbrei und die überbordende "Materialschlacht" der japanischen HiFi-Konkurrenz, formal innovativ, extrem solide gebaut, technisch aufwändig konzipiert - das Erfolgsprodukt von Braun war eines der wenigen Steuergeräte, das z.B. einem ca. 3000 DM teuren Flaggschiffreceiver-Boliden wie Sony STR 6120 bzw. später STR 6200 oder den noch kostspieligeren Marantz-Monstern 2385 bzw. 4400 auf der technisch-elektronischen Ebene - und hier besonders im Tuner-Teil - in jeder Hinsicht (!) Paroli bieten konnte, sieht man einmal von der geringeren Ausgangsleistung der Endstufen ab. Die Sorgfalt der Gesamtkonstruktion des regie 510 zeigte sich für den Kenner schon in der überragenden mechanisch / elektronischen Qualität seines für HiFi-Zwecke völlig unwichtigen AM-Tuners, der einen eigenständigen Skalentrieb, ebenfalls mit Schwungradantrieb, und einen Dreifach-Drehkondensator erhielt - für den Kenner ein besonderes Détail. Dessen Empfangsleistungen auf den drei damals noch dichtbesiedelten AM-Bändern MW / LW / KW waren für ein kompromissloses HiFi-Gerät konkurrenzlos, immerhin kam der BRAUN T1000, ein nicht kommerzieller "Weltempfänger" mit herausragenden Leistungsdaten, aus dem gleichen Hause...
Aufgrund der Erfordernisse des US-amerikanischen Marktes waren nahezu alle japanischen UKW-Stereo Tuner-Schlachtrösser und Receiver-Monster gleichermaßen mit einem obligatorischen AM-Tuner (für Medium-Wave-Band) ausgerüstet - mit Ausnahme des ebenfalls separaten AM-Teils eines 17kg (!) schweren Monster-Tuners Sansui TU-X1 erreichten die miserablen technischen Eigenschaften dieses Schaltungsteils aber vergleichsweise kaum das Niveau von Omas Küchenradio...

Trotz seiner auffallend filigranen Eleganz war der regie 510 aufgrund der gewählten Stahlblech-Chassiskonstruktion und des großen Netztransformators ungewöhnliche 17 kg schwer und im Vergleich zu heute vielfach geforderten exorbitanten und phantasievollen 'Mondpreisen' zahlloser Gerätschaften damals sehr angemessen (!) kostspielig, er kostete zwar immerhin sage und schreibe die nicht ganz unerhebliche Summe von 1750 DM, der geforderte Preis bildete aber zu 100% in jeder Hinsicht den Wert des Gerätes völlig zutreffend ab, bei so manchem aktuellen "Hi-End" oder Ultra-Hi-End - Gerät sind das allerhöchstens nur noch knapp 10%, der Restbetrag ist dem Lifestyle geschuldet...

Der unbestreitbare technische (!) Vorteil des FM-Empfangsteils eines regie 510 war schlichtweg die komplett ANALOGE (nicht "pseudoanaloge" wie bei manchen "HiEnd"-Fabrikaten...) Konfiguration der elektronischen Schaltung: Im Gegensatz zu den sich bei allen Herstellern zunehmend durchsetzenden digital gerasterten Abstimmverfahren des Lokaloszillators mitsamt digitaler Anzeige der Sendefrequenz und einem automatischem Sendersuchlauf ("Zauberwort" PLL-Synthesizertuner...) späterer UKW-Tunerteile, die u.a. dem sich durchsetzenden digitalen Zeitgeist, günstigeren Herstellungskosten und dem enormen Bedienungskomfort geschuldet waren, gab es bei der altehrwürdigen Senderwahl mit komplizierter Skalenzeigermechanik und echtem Drehkondensator (!) oder auch Variometer noch ein lupenreines Signalspektrum bei der Erzeugung der Zwischenfrequenz, deren elektronische Signalqualität bei entsprechend hohem Aufwand an Sorgfalt beim meßtechnischen Endabgleich des Tuners den alles entscheidenden klanglichen Vorteil brachte - "back to the roots" zahlt sich durchaus manchmal aus, der "technische Fortschritt" ist bei näherer Betrachtung in der Gesamtschau oft ein unvorteilhafter Rückschritt, der Vorteil einer Digitalisierung des FM-Tunerteils beschränkt sich eindeutig auf den zweifelsfrei gewachsenen Bedienungskomfort ...

Zudem war es einfach ein besonderes Gefühl von subtiler Präzision, am schwungradunterstützten Alu-Drehknopf auf der rechenschieberartigen, hochpräzis geeichten UKW-Skala einen UKW-Stereo-Sender trennscharf einzustellen - der Tuner hatte dafür Abstimmhilfen, die diesen Namen wirklich verdienten. Insbesondere das Zeigerinstrument für die Feldstärke des einfallenden Senders hatte eine echte logarithmische Anzeigecharakteristik, bei zahlreichen Mitbewerbern im Bereich der Hochleistungstuner wie z.B. bei einem SONY ST5130 war das Feldstärkeinstrument eher ein hochdekoratives Schmankerl, der Zeigerausschlag ging da komplett in die lineare Richtung, was für das korrekte Ausrichten der ehemals üblichen Rotor-Richtantenne wenig hilfreich war.
Die ganze hochkarätige Technik befand sich in einer hochattraktiven, detailverliebten und außergewöhnlich konsequent gestylten "Verpackung", komplett abseits des damaligen Mainstreams, gestaltet vom international hochdekorierten Industriedesigner Dieter Rams und seinem Team, damals Leiter der Designabteilung beim Hersteller BRAUN GmbH.
Für einen "Receiver" - d.h. für die Kombination von UKW-Tuner mitsamt Verstärker in einem Gehäuse - wurde der elektronische Aufwand regelrecht auf die Spitze getrieben, aber die Balance auf dem schmalen Grat zwischen notwendigem technischen Aufwand und technischem Overkill als Selbstzweck und ohne Nutzen, wie er in der Hoch-Zeit der HiFi-Elektronik - und nicht nur dort - bei vielen hochgerüsteten Konkurrenten zu beobachten war, souverän aufrechterhalten: 70 (!) Transistoren, nach echten kommerziellen Maßstäben konzipierter UKW-Tuner mit Kaskodendenschaltung und N-channel-FETs in den UKW-Vorstufen sowie ein Doppel-gate MOSFET in der UKW-Mischstufe, der quasi einem Röhrenhexodenmischer mit zwei separaten Steuergittern entspricht.
5 ICs (die gab es damals schon...) werden im Zwischenfrequenzverstärker verbaut, die Gesamtzahl der Einzeldioden beläuft sich auf immerhin 30. Wie bei den damaligen hochkarätigen ANALOG-Tunermodellen der Konkurrenz wie z.B. Revox A76, Yamaha CT7000, Sansui TU-9900, Sansui TU-X1, Sony ST 5130 oder bei den unübertrefflichen Geniestreichen des Tunerspezialisten Reinhard Wieschhoff, dem Klein+Hummel Telewatt FM2002, Restek FM3003 gingen die Konstrukteure des UKW-Tunerteils im regie510 - auch als reines Tunergerät BRAUN CE1020 auf dem Markt - an die Grenzen des physikalisch möglichen und finanziell vertretbaren: im HF-Teil kommt ein 4-fach Drehkondensator zum Einsatz, im ZF-Verstärker sorgen aufwändig abzugleichende LC-Filter mit Toroidspulen (wie im FM2002, keine üblichen Keramik-Bandfilter) für optimale Tunereigenschaften wie z.B. Großsignalverhalten, Selektivität und Empfindlichkeit, der Stereodecoder ist technisch noch ein vor-PLL-Produkt und mit Ausnahme des Matrix-Schaltdemodulator-ICs komplett diskret aufgebaut, die integrierte Schaltung (µA795 / LM1496) ist von FAIRCHILD, dem "Erfinder" des ersten monolithischen ICs.
Einige Jahre später erledigte in fast allen Standard-Stereodecodern der bekannte Motorola-Chip MC1310P, zusammen mit geringfügiger Schaltungsperipherie, die komplexe Aufgabe, inklusive einer PLL-Hilfsträgerregeneration.
Der enorme Schaltungsaufwand und eine perfekte Abstimmung der restlichen Elektronik bescherte dem regie 510 herausragende Empfangs- und Klangeigenschaften, die einen Vergleich mit den besten UKW-Einzelgerätetunern des damals riesigen Angebots auf dem Weltmarkt keineswegs zu scheuen brauchten.

Auch wenn es manche "audiophile" HiFi-Freaks nicht glauben wollen: beim Verstärkerteil des regie 510 wird einem ebenfalls ganz deutlich "vor Ohren" geführt, daß es in den vergangenen vier Jahrzehnten HiFi-Geschichte im Bereich der Verstärkerelektronik kaum zu deutlichen (!) qualitativen Entwicklungssprüngen im Bereich der Verstärkerelektronik gekommen ist...
In den beiden Gegentakt-Endstufen des Verstärkerteils werkelten große NPN-Silizium-Leistungstransistoren vom Typ 2N3055, noch im teuren TO3-Metallgehäuse, das heute meistens durch preisgünstige Plastikvarianten ersetzt wird. Der legendäre 2N3055 - 1970 von RCA in damals neuartigem "Hometaxial Base" Aufbau auf den Transistormarkt gebracht entwickelte sich dieser Leistungstransistor zum damals "alternativlosen" Transistor Power-Horse - kam in zahllosen HiFi-Verstärkern und Studiogeräten dieser Generation zum Einsatz, ihm werden heute meist völlig zu Unrecht ziemlich miserable Klangeigenschaften nachgesagt, die solches tun, haben optimal konzipierte 2N3055-Geräte von damals wie z.B. einen Georg Neumann/Telewatt ES20 mit Sicherheit nie gehört, sie sollten sich eventuell mal zwei guterhaltene Exemplare der legendären Zweiweg Studio-Aktivbox OY (1967-1987 gebaut, mit elektronischer Frequenzweiche) von Klein&Hummel - selbstverständlich mit klassischer Musik und den Originaltransistoren! - anhören, deren beide Endstufen ebenfalls mit diesem Transistortyp (OCL) arbeiteten, von großartigem aktuellen Entwicklungsfortschritt kann absolut nicht die Rede sein.
Die große Auswahl an geeigneten Endstufen-Transistortypen für diese Leistungsklasse gab es in diesen Jahren noch nicht, der komplementäre PNP-Typ MJ2955 war erst nach Einführung der damals modernen "Epitaxial-Technik" in den 80iger Jahren in ausreichenden Stückzahlen verfügbar und sorgte dann zusammen mit symmetrischer Spannungsversorgung für ein vollkomplementäres Endstufenkonzept mit kondensatorlosem Leistungsausgang. Beim Ersatz der Original 2N3055-Transistoren des regie 510 (meist von RCA) ist Vorsicht geboten: die Gefahr von Fake-Varianten mit erheblich abweichender Qualität und veränderten elektrischen Daten ist vergleichsweise hoch !
Im regie 510 war es jedoch noch nicht so weit, der Endverstärker im regie 510 arbeitet als Komplementär-Darlingtonendstufe (Quasikomplementärendstufe), wobei die komplementären Treibertransistoren BD139/140 die inversen, gegenphasigen Steuerspannungen den beiden NPN 2N3055 Ausgangstransistoren liefern und sich somit eine separate Phasenumkehrstufe erübrigt, die unipolare Spannungsversorgung zusammen mit hochkapazitiven Ausgangskondensatoren vor dem Lautsprecherausgang war in den frühen 70iger Jahren aktueller Stand der Technik, die leidigen DC-Drift-Probleme am Verstärkerausgang und deren Ausregelung sowie Schutzschaltungen mit DC-Detektoren wie bei späteren vollkomplementären Konzeptionen mit den erwähnten symmetrischen Netzteilen und kondensatorlosem Ausgang waren beim regie 510 unbekannt.
Klanglich konnte der Verstärker mit einem wesentlich aufwändigeren und raffinierter konzipierten (quasikomplementäre Endstufe mit symmetrischer Stromversorgung + DC-Kopplung am Verstärkerausgang) und damals maßstabsetzenden REVOX A50 oder A78 durchaus mithalten, rein messtechnisch gab es an dem regie 510 als Gesamtgerät ohnehin zu jener Zeit kaum etwas zu meckern, und: ersetzt man die entscheidenden, mindestens 40 Jahre alten Elektrolyt-Kondensatoren im Signalweg zusammen mit dem großen 5000uF-Pufferkondensator des Endstufen-Netzteils eines funktionsfähigen Geräts durch aktuelle Exemplare wird man erstaunt sein, zu welch akustischen Reproduktionsleistungen ein derartig renovierter Oldtimer fähig sein kann...vorausgesetzt die verwendeten Schallwandler genügen den heute gewachsenen Ansprüchen...

Eigentlich blieben bei einem regie 510 nur ganz wenige Wünsche offen: in erster Linie wohl der Wunsch nach einer speziellen Lautsprecher-Einschaltverzögerung, der Verstärker des regie 510 quittiert prinzipbedingt (LS-Ausgangselkos...) jeden Einschaltvorgang mit einem deutlich sicht- und hörbaren Membranhub des Tieftonlautsprechers, was damals insbesondere bei teuren Lautsprecherboxen die Zahl der Sorgenfalten der stolzen Besitzer ansteigen ließ.
Wunsch Nr.2 wäre ganz sicher ein Wechsel von den vom Hersteller verwendeten, damals weitverbreiteten, aber für diese Klasse mehr als erbärmlichen DIN Lautsprecherbuchsen hin zu stabileren Anschlussvarianten gewesen, es müsste doch eigentlich den damaligen Entwicklern des Geräts aufgefallen sein, daß da eine erhebliche Diskrepanz zwischen den riesigen Dimensionen des Kühlkörpers der Endstufentransistoren, der nicht geringen Ausgangs-Spitzenleistung der Endstufen von 2x70Watt / 4Ohm, einer ziemlich "wackelig" und "winzig" daherkommenden Kombination von Lautsprecherbuchsen / Lautsprechersteckern existiert - 'kopfschüttel' - immerhin geht es im Grenzbereich der Leistungsabgabe bei Impulsspitzen hier um Ströme über 1 Ampère pro Kanal, die in den Ausgangsbuchsen wirksam werden - leider waren diese erbärmlichen Buchsen damals Standard, man kann bekanntlich nicht alles haben...Fortsetzung folgt demnächst...-


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